Rattenscharfe Begegnung mit einer Nutriafamilie

Als ich (informiert durch einen Fotofreund) losfuhr um mit diesen possierlichen Wasserratten Bekanntschaft zu machen, ahnte ich noch nicht wie begeistert ich am Ende sein würde. Ich hatte mich also in der schönen Pfalz mit Dennis verabredet um mich an einer Nutria-Wildlife-Fotoaktion zu probieren. Um euch einen Eindruck der Tiere und der örtlichen Begebenheiten zu ermöglichen habe ich ein Video angefertigt, in welchem die Zutraulichkeit dieser kleinen Freunde deutlich wird. Ausgereifte Kamerafahrten und künstlerische Umsetzung sollten an dieser Stelle besser nicht erwartet werden. Als reine Fotografin gehört die Anfertigung von Videomaterial nicht unbedingt zu meinen besten Skills … Trotzdem ermöglichen die bewegten Bilder zumindest einen kleinen Einblick in das Zusammenleben der Tiere – und vielleicht legt auch der ein oder andere Besucher dieses Blogbeitrages seine zwielichtigen Gefühle gegenüber den doch eher ungern gesehenen Nagern ab und schließt sie ins Herz. Dann hätte ich schon viel erreicht !

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Ich packe also meine Canon, das 70-200er und ein 150-600er Rohr ein, damit ich im Notfall auch die scheuesten aller Scheuen vor die Linse bekomme. Ausgerüstet mit Affenschaukel, Carbonstativ und schwerem Gerät verlasse ich auf dem Parkplatz angekommen mein Auto und warte auf Dennis. Es vergehen rund 10 Minuten und ich schaue mich ein wenig um. Soweit noch nichts zu sehen bis auf einen idyllisch gelegenen See irgendwo in der Pfalz. Dann kommt Dennis angeradelt und ich wundere mich, dass der so gar keine große Linse bei sich hat. Wie will er bitteschön mit seinem kleinen Objektiv Wildlifeaufnahmen machen ohne den Tierchen zu nahe zu kommen ? Während ich so nachdenke und wir den Weg am See entlanglaufen platscht es neben mir auch schon. „Ach“ … sage ich …“Guck mal, da kommt ja einer angeschwommen ….“ Dennis lacht und ich soll auch gleich erfahren weshalb. Ich stehe da fassungslos am Ufer und wahrscheinlich gucke ich gerade wie ein UFO …  Herrgott …. dieser nasse pelzige Freund watschelt aus dem Wasser schnurstracks auf mich zu. Mein erster Gedanke ist, dass ich eine frischgebackene Mutter verärgert habe, der Nager irgendwo Jungtiere hat und mich verscheuchen will. Aber nein, der Wuschel kommt so nahe er kann, stellt sich vor mir auf die Hinterbeine und krabbelt mit seinen kleinen Fingerchen an meinem Schienbein. Er will Futter und Aufmerksamkeit und der flehende Blick ist an Niedlichkeit kaum zu übertreffen !  Ich bin echt platt, total entzückt und einfach MEGAglücklich über diese Begegnung. 

Schnurstracks aus dem Wasser zum Futterspender

Während ich so verwundert unter mich schaue (und ein wahnsinnig schlechtes Gewissen habe kein Futter anbieten zu können) plantscht eine weitere Biberratte im Wasser neben mir munter vor sich hin. Da kommt eine ganze Horde … Mutter, Vater, Oma und Opa und eine ganze Bande Nutriakinder,  einfach alle Mitglieder dieses schätzungsweise 30 Tiere starken Clans. SOWAS hatte ich tatsächlich nicht erwartet. Dennis steht neben mir und freut sich, weil ich mich so freue. Eine Augenweide !

TATÜTATA – der Nächste ist gleich da

Leider, leider wird mir mein Fotoausflug an diesem Tag durch furchtbar grelles Sonnenlicht vermiest. Anschauliche oder gar kunstvolle Fotografien wollen mir partout nicht von der Hand gehen. Ich bin aber ohnehin viel zu sehr damit beschäftigt diese zutraulichen Fellknäuel zu beobachten. Es ist einfach zu niedlich, wie die Jungen ausgelassen miteinander spielen und auf umgefallene Bäume klettern um sich von dort aus wieder zurück ins Wasser fallen zu lassen. Mein großes Rohr hätte ich getrost Zuhause lassen können. Ich habe eher das Problem, dass ich die Tiere nicht aufs Bild bekomme, weil sie einfach zu nahe kommen. Sowie ich mich auf den Boden lege und eines anvisiere, rennt es auf mich zu und bettelt mich an. Herrjeh, was ärgere ich mich. Am liebsten hätte ich nun einen ganzen Sack Karotten oder ähnliches dabei. Ich stehe immer noch fassungslos da, bestaune die Situation und ehe ich mich versehe … schwupps … sind sie auf einmal allesamt verschwunden …..

Mit graziler Körperhaltung zum fotografischen Erfolg 😉 Danke an Cord Gansen fürs Beweisfoto !

Wir beschließen den Weg ein Stückchen weiterzugehen und dann wird der Grund des Verschwindens auch schon sofort klar. Am Uferrand steht ein älterer Mann, eine Tüte voller Toastbrot und der Clan freut sich über die Gaumenfreuden. Und obwohl Toastbrot nicht gerade auf dem natürlichen Speiseplan der Nutrias steht freue ich mich auch. Es ist wohl bekannt, dass die Fellnasen hier so zutraulich sind und leider wird ihnen das auch manchmal zum Verhängnis. Im Gespräch erzählt mir der tierliebe Mann, dass er jeden Tag kommt um die Rasselbande zu füttern … wie viele andere auch. Aber wie immer wenn so etwas bekannt wird gibt es auch eine Menge Gewissenloser, die das schamlos ausnutzen und anfangen die Tiere zu quälen und zu malträtieren – manchmal bis zum Tod. Es sei mir aus diesem Grund auch bitte verziehen, dass ich den genauen Ort des Geschehens zum Schutz der Tiere hier nicht preisgeben werde.

Bernd mit Brot – oder so ähnlich

Da ich mich immer noch extrem ärgere, dass mir die Lichtreflexe im Wasser und durch die Blätter der Bäume fotografisch einen extrem dicken Strich durch die Rechnung machen, beschließe ich wieder zu kommen. Am besten an einem leicht bewölkten Tag mit einer dicken Tüte Grün- und Saftfutter ! Die Bilder die bei diesem Shooting entstanden sind haben wegen der angedeuteten Problematik auch leider meist nur dokumentarischen Wert. Trotzdem möchte ich sie der Menschheit nicht vorenthalten. Gerade auch nach der Reaktion meiner Mutter („Igitt … du spinnt ja … diese ekligen Ratten … was die für Krankheiten übertragen können ….etc “  [wp-svg-icons icon=“wink“ wrap=“i“]) sehe ich es fast als meine Pflicht an, der Menschheit da draußen vom freundlichen Wesen dieser Tiere zu berichten. Mein Gott, Nutrias sehen doch auch nur aus wie übergroße Meerschweinchen mit einem eventuell etwas zu lang geratenem Schwanz ……ok   [wp-svg-icons icon=“grin“ wrap=“i“]. Aufgefressen oder angefallen hat mich jedenfalls keines ….

Gefährliche Zähne – aber ein sanftes Gemüt !

Update 23.06.2018

Wie bereits versprochen war ich nochmal vor Ort um neue Bilder zu schießen. Ich will nicht behaupten dass ich wesentlich bessere Bedingungen vorgefunden habe, also sind die Fotografien meist wieder nur von wenig künstlerischem Wert. Als wir am See eintrafen, stießen wir auf eine Gruppe Menschen, die uns bereits aus der Ferne argwöhnisch beäugten. Wir zeigten uns relativ unbeeindruckt und begannen mit unserem Werk. In der Tasche hatte ich (natürlich) diesmal einen Sack Karotten, dies entging auch diesen Leuten nicht. Als sie mein Mitbringsel erspähten fing das doofe Gespräch punktwendend an. Es handelte sich um Angestellte einer Gesellschaft die dort regelmäßig Gewässerproben entnimmt um die Qualität des Wassers zu überwachen.  Scheinbar hat das an sich glasklare Wasser ein Algenproblem, welches der Nutriapopulation in die Schuhe geschoben wird. Natürlich waren diese Leute sauer, dass ich Futter mitgebracht habe, da dies zum Erhalt der Population beiträgt während die Stadt wohl eher im Sinn hat die Nutrias zu bekämpfen. Wie genau wollte mir die Dame nicht sagen. In dem Gespräch gab ein Wort das andere und auch ich wurde sauer, weil mir die Herrschaften insgesamt einen dicken Bären über die Gefährlichkeit der Tiere aufbinden wollten. Zudem versuchten sie mir zu erklären, dass die Nager einheimische Arten verdrängen. Das konnte ich so nicht stehen lassen. Soweit ich weiß und recherchiert habe, steht die Nutria einzig mit dem Bisam im Clinch und ist maximal selbst Opfer von Fressfeinden. Auch die Aussage, dass diese Tiere Menschen anfallen und zum Problem werden kann ich leider nicht glauben. Sicher kann darüber diskutiert werden, ob eine Zufütterung und die dadurch verbundene Zähmung sinnvoll ist. Auch kann ich nachvollziehen, dass nicht angenommene Reste des angebotenen Futters das Wasser auf Dauer nachhaltig belasten. Aber es ist wie immer… da werden Bürgern Geschichten über blutrünstige Killernutrias erzählt und Ängste geschürt wo es einfach nicht angebracht ist. Ein wenig Aufklärungsarbeit wäre vielleicht sinnvoller ! 

Angriff der Killerkarotten – gefährlich sieht irgendwie anders aus …..

 

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Weitere Infos

Nutrias (Myocastor coypus) sind in Mitteleuropa eingebürgerte Nagetiere deren Ursprung in Südamerika liegt. Ursprünglich für die Pelzindustrie und als Fleischlieferant gezüchtet konnten sich die Tiere aufgrund mancher „Befreiungsaktion“ engagierter Tierschutzaktivisten in Deutschland und Europa ausbreiten. Nicht überall ist der Nager gerne gesehen, gräbt er doch mitunter tiefe Löcher ins Erdreich und ist in der Lage ganze Deiche zu zerstören. Eine rasante Ausbreitung ist in Deutschland nicht zu beobachten, da die klimatischen Bedingungen hierzulande für das Leben der Tiere nicht optimal sind. Die großen, orangefarbenen Zähne der Nutrias sind eines der wichtigsten Unterscheidungsmerkmale zum Biber oder dem Bisam. Mit 6-9 kg Körpergewicht ist die Nutria zudem deutlich schwerer als der Bisam (1,3 – 1,8kg) und andererseits auch deutlich kleiner als der Biber, der gute 30 Kilogramm auf die Waage bringen kann. Ferner ist der Schwanz des Bibers flach und breit, der der Nutrias eindeutig kreisrund und rattenähnlich. Mit einer Körperlänge von bis zu 65cm und einer Schwanzlänge von ca. 40cm erreichen Nutrias eine stattliche Größe.  

Nutrias sind im Gegensatz zu Ratten fast reine Pflanzenfresser und ernähren sich hauptsächlich von Blättern, Wasserpflanzen und Wurzeln. Eventuell wird der Speiseplan um ein paar Würmchen oder Schnecken erweitert. Aus diesem Grund ist das Infektionsrisiko nach einem Biss auch deutlich geringer als beispielsweise nach einem Rattenbiss. Da es sich bei Nutrias um Fluchttiere handelt die zudem extrem friedlich auftreten, sind Angriffe selbst in für die Tiere gefühlten Gefahrensituationen aber eher nicht zu erwarten. Sollte es nun wieder Erwarten doch zu einer Bisswunde gekommen sein darf die Panik gerne Zuhause bleiben. Laut Landesamt für Natur und Umwelt übertragen die Nager keine Krankheiten, die uns Menschen gefährlich werden können (siehe hier). Auch die mancherorts verbreitete Angst vor der Übertragung des Fuchsbandwurmes ist haltlos. Der Nager kann zwar als Fehlwirt dienen (wie der Mensch übrigens auch), den Bandwurm aber nicht ausscheiden oder weiterreichen.  

Urspünglich dämmerungs- und nachtaktiv sind Nutrias mittlerweile vielerorts auch ganztägig zu beobachten. Die freundlichen Wesen leben meist in Gruppen oder auch richtigen Kolonien zusammen und pflanzen sich zu jeder beliebigen Jahreszeit fort.  Der Lebensraum umfasst dabei saubere Gewässer sowie der dazugehörige nähere Uferbereich. Nach Erreichen der Geschlechtsreife ab einem Lebensalter von 6-9 Monaten, kommen die Tiere 1-2 mal im Jahr zur Paarung zusammen. Nach ca. 4,5 Monaten Tragezeit bringt das Weibchen schließlich 1-6 voll behaarte und bereits sehende Jungen zur Welt. Leider ist die Sterblichkeitsrate der Jungtiere sehr hoch, so dass oft nicht viele überleben. Die Lebenserwartung freilebender Tiere beträgt durchschnittliche und kurze 3 Jahre, in Gefangenschaft oder mit ein wenig Glück können sie bedeutende 10-12 Jahre alt werden. Nutrias sind mit einer extrem schlechten Sehkraft ausgestattet und verständigen sich gerne durch grummelnde und grunzende Laute.  Zu den hiesigen Fressfeinden gehören unter anderem diverse Greifvögel und Eulen, Fuchs, Marder, freilaufende Hunde und Katzen und natürlich der Mensch.

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DS-pektiven
Gast

Hi Bettina,, die Fotos sehen doch ganz gut aus; um Welten besser als das, was ich an dem Tag auf die Speicherkarte bekommen hab. Dennis lacht und ich soll auch gleich erfahren weshalb. Ich stehe da fassungslos am Ufer und wahrscheinlich gucke ich gerade wie ein UFO So in etwa. In der Pfalz gibt es ja das Sprichwort „die hat geguckt wie e Kuh wonn’s blitzt! 😉 Ich bin die Tierchen ja schon einige Jahre gewöhnt – und hatte mich dann bei der Ankunft auch gewundert, warum du quasi dein ganzes Arsenal samt Kanonenrohr mitgeschleift – und mir sogar ein… Mehr lesen »

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Bettina Dittmann
Gast
Bettina Dittmann

Haha … sehr witzig. Ja, so könnte man es auch beschreiben. Ich will eigentlich gar nicht so genau wissen, wie blöd ich aus der Wäsche geguckt habe. Hallo … du kannst froh sein, dass ich nicht Tarnzelt, Machete und sonstigem Buschwerkzeug angerückt bin. Ich dachte wir gehen irgendwo ins dunkelste Dickicht und trauen uns nicht mal den Verschluss einer Flasche Wasser aufzuschrauben – um die Tiere nicht zu verjagen 😉
Wer rechnet denn mit SOWAS ???

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